„Heute hat sich die Welt hier am Tisch versammelt“

„Die Geschichte habe ich gekannt aus meiner Heimat Syrien“, sagt Shadi Wafai stolz – und auch Japan Derar aus Eritrea kannte die Geschichte, die Tormenta Jobarteh im Café International erzählte: Sie handelte von einem Vater, seinem Sohn und einem Esel – und der Erkenntnis, dass man in manchen Situationen einfach nur alles fasch machen kann.

Susanne Tiggemann, Maria Carmela Marinelli und Tormenta Jobarteh gestalteten einen kurzweiligen Nachmittag im Café Welcome. Die Einrichtung in Ludwigshafen-Oggersheim war einer der ersten Treffpunkte für Geflüchtete in Rheinland-Pfalz und ist ökumenisch getragen. Auch viele Ehrenamtliche nutzten die Gelegenheit, Geschichten aus der ganzen Welt zu hören.

Tormenta Jobarteh ist in Gambia ein so genannter weißer Griot – ein Musiker, Historiker, Chronist, Geschichtenerzähler und weiser Berater in einer Person. Er begleitet sich selbst auf der Kora, einer westafrikanischen Harfenlaute. Susanne Tiggemann erzählte unter anderem die Geschichte, warum Menschen in heißen Ländern Melonen anpflanzen – und hielt die Konzentration der Zuhörer auch durch den Einsatz ihrer Stimme immer hoch. Am Ende war sie „total zufrieden“ damit, wie auch diejenigen lauschten, die noch sehr wenig Deutsch verstehen. Japan Derar, der seit einem Jahr und zehn Monaten in Deutschland ist, schätzt, dass er rund 90 Prozent wirklich verstanden hat – „der Rest ist Phantasie“, lächelt er.

Maria Carmela Marinelli bezog die Zuhörer in ihrer Kettengeschichte in den Erzählfluss mit ein. Die Geschichte handelte von einer Maus, einer Katze, einem Hund, einem Stock, Feuer, Wasser und einer Kuh. Diese Begriffe ließ sie von den Besuchern in ihre jeweilige Heimatsprache übersetzen – und manche lernten auf diese Weise neue Vokabeln. „Die waren alle gut dabei“, freute sie sich im Anschluss. Für sie selbst stellt diese Geschichte „ein Stück von meinem Land, von meiner Kindheit dar“, und gerne erzählt sie sie auch vor Kindern: „Die sind dann immer ganz stolz, weil sie wichtige Wörter auf deutsch und in anderen Sprachen kennen.“

„Wenn die Zuhörer die Sprache nicht kennen, kommt es auf Anderes an“, ist sie überzeugt: auf die Stimme, auf Gestik, Mimik und den ganzen Körper. Da stimmt Susanne Tiggemann voll mit ihr überein. Pfarrerin Reinhild Burgdörfer war beeindruckt davon, wie sich die drei Erzählkünstler auf das Umfeld eingestellt haben, und freute sich: „Das war für unsere Besucher auf jeden Fall etwas Besonderes.“ Auch Susanne Tiggemann ist überzeugt, dass das Ziel der Veranstaltung im Sinne des Erzählfestmottos erfüllt wurde: „Heute hat sich die Welt hier am Tisch versammelt.“